Stummfilm mit Live.Musik: Der Mann mit der Kamera
>>Regie: Dziga Vertov>>OT: Čelovek s kinoapparatom>>UdSSR 1929, 76 Min.>>Live-Musik: Martin Eberle (Trompete, Harmonium, Fender Rhodes, Electronics) und Martin Ptak (Klavier, Synthesizer, Posaune, Electronics)
Beschreibung
Dziga Vertov ist einer der bedeutendsten Regisseure in der Geschichte des Dokumentarfilms. Es gibt kein Genre, das er in den knapp zwei Jahrzehnten zwischen der Russischen Revolution und dem Terror der stalinistischen Säuberungen nicht geprägt hätte. Mit der Gleichschaltung der Künste unter Stalin wurde er de facto arbeitslos, und wenig später, mit dem Überfall Nazideutschlands, sollte die Sowjetunion, die er als fortschrittliche, technisierte und pluralistisch-multikulturelle Utopie imaginierte, in Krieg und Vernichtung versinken.
Von all dem erzählt Der Mann mit der Kamera nichts. Ein Kind seiner produktivsten Schaffensphase unter der Ägide des staatlichen ukrainischen Filmstudios, ist er formal Vertovs freiester und kühnster Film und zugleich ein lebensfrohes und optimistisches Zeitdokument des ukrainischen (und in den Moskauer Sequenzen teilweise auch russischen) urbanen Alltags. Vertov – geboren in einer jüdischen Familie im ehemals polnischen, dann russischen Białystok, mit der Kamera in allen Winkeln der Sowjetrepubliken unterwegs – gehört zu jener Generation, die an den sowjetischen Vielvölkerstaat glaubte und ihn auch filmisch beschwor. Der Mann mit der Kamera erzählt von einem Tag zwischen Morgengrauen und Nacht, vom sowjetischen Leben zwischen Entbindungsstation und Sterbebett. Geschichten aus einer “typischen” Großstadt. (Text: Michael Loebenstein)
In Kooperation mit dem Österreichischen Filmmuseum (aus der Sammlung des Eye Filmmuseum)